Helge Sanden, Moderator, Keynote Speaker und Chefredakteur vom IT-Onlinemagazin, hat in seinem LinkedIn-Post die Frage gestellt: „KI: Game-Changer, Scheininnovation oder eher kein SAP-Thema?“. Daraufhin hat sich eine interessante Diskussion ergeben, und auch ich habe meine Meinung gepostet. Das große Feedback auf Helges Post zeigt: Hier ist Redebedarf, was mich wiederum veranlasst hat, mein Statement zum Thema mal ein bisschen ausführlicher zu veröffentlichen.
Keine Zeit zu warten: KI-Lösungen für SAP-Kunden im Transformationsprozess
SAP trommelt laut für die KI-Revolution. Mit „Business AI“ und dem Co-Piloten Joule wird eine Zukunft gezeichnet, in der Prozesse um bis zu 90 % schneller ablaufen. Ein verlockendes Versprechen. Doch während in Walldorf die KI-Zukunft in der Cloud geschmiedet wird, sieht die Realität in vielen deutschen Unternehmen anders aus: Langwierige S/4HANA-Transformationen, starre OnPremise-Systeme und ein Investitionsstau binden Ressourcen und Aufmerksamkeit. Wollen Sie wirklich warten, bis die SAP-Modernisierung in ferner Zukunft „abgeschlossen“ ist, während Ihre Wettbewerber längst die Weichen für eine intelligente Zukunft stellen?
Das Dilemma: SAPs KI-Wolke trifft auf die On-Premise-Realität
Die Strategie von SAP ist klar: Innovationen wie generative KI werden primär über Cloud-Angebote wie RISE und GROW sowie die Business Technology Platform (BTP) bereitgestellt. Für Kunden, die bereits vollständig in der SAP Cloud-Welt angekommen sind, mag das ein schlüssiger Weg sein. Für die große Mehrheit, die noch auf ECC 6.0 oder S/4HANA On-Premise setzt, entsteht jedoch eine gefährliche Kluft. Diese Unternehmen zahlen Wartungsgebühren für stabile, aber zunehmend innovationsferne Systeme und sollen gleichzeitig in eine Cloud-Transformation investieren, deren Amortisation für viele fraglich ist. Eine Umfrage von DSAG und IT-Onlinemagazin aus dem Frühjahr 2025 zeigt die Skepsis deutlich: 76 % der Befragten finden, das Preis-Leistungs-Verhältnis bei SAP stimme nicht, und 85 % fühlen sich in die Cloud gedrängt. Dieses Zögern ist verständlich, aber es darf nicht zur Tatenlosigkeit führen.
Die Falle des Wartens: Warum Zögern teurer ist als Handeln
Die vielleicht größte Gefahr im aktuellen Transformationsprozess ist die Annahme, man müsse erst das eine Problem (die ERP-Modernisierung) vollständig lösen, bevor man das nächste (die KI-Integration) angehen kann. Dieser lineare Ansatz ist in einer exponentiell fortschreitenden Technologiewelt fatal. Jeder Monat des Wartens ist ein verlorener Monat, in dem keine Erfahrungen gesammelt, keine internen Kompetenzen aufgebaut und keine schnellen Erfolge erzielt werden. Es bestätigt sich immer wieder die alte Weisheit: „A Fool with a Tool is still a Fool.“ Ein Unternehmen, das heute nicht lernt, KI-Anwendungsfälle zu identifizieren, zu bewerten und umzusetzen, wird auch nach einer abgeschlossenen S/4HANA-Migration nicht plötzlich zum KI-Champion. Die eigentliche Transformation endet nicht im Rechenzentrum statt, sondern in den Köpfen und Prozessen Ihrer Organisation.
„Die entscheidende Frage ist nicht, ob Ihr Unternehmen KI nutzen wird, sondern wann und wie Sie die Kontrolle über Ihre KI-Strategie erlangen – unabhängig von den Roadmaps einzelner Anbieter.“
Alternative Wege zur Intelligenz: Hybride Architekturen als Ausweg
Die gute Nachricht ist: Sie müssen nicht auf SAP warten. Der goldene Mittelweg heißt „hybride KI“. Die Logik ist einfach: Nutzen Sie Ihre wertvollen Daten, die in Ihren SAP-Systemen liegen, aber entkoppeln Sie die KI-Logik von der starren ERP-Infrastruktur. So schaffen Sie eine flexible und souveräne Lösungslandschaft.
Souveränität statt Vendor-Lock-in
Eine hybride Architektur erlaubt es Ihnen, das Beste aus allen Welten zu kombinieren. Sie können Ihre SAP-Daten über sichere Konnektoren anbinden und für die eigentliche Intelligenz auf die Dienste von Hyperscalern (wie Azure OpenAI, Google Vertex AI) oder auf spezialisierte Open-Source-Modelle (sogenannte LocalLLMs) zurückgreifen, die Sie sogar auf eigener Hardware betreiben können. Dieser Ansatz, wie er auch von Beratungsunternehmen für On-Premise-Kunden gefordert wird, gibt Ihnen die volle Kontrolle über Kosten, Datensicherheit und technologische Auswahl. Sie sind nicht länger an die kommerziellen Modelle oder den Funktionsumfang eines einzigen Anbieters gebunden.
Der wirtschaftliche Hebel: Kosten-Nutzen-Analyse im Klartext
Statt einer gigantischen Vorabinvestition in eine vollständige Cloud-Migration können Sie mit hybriden Ansätzen gezielt in Anwendungsfälle mit dem höchsten Business Value investieren. Ein KI-gestützter Chatbot für den Kundenservice? Eine intelligente Automatisierung der Rechnungsverarbeitung? Solche Projekte lassen sich mit überschaubarem Aufwand realisieren und liefern einen schnellen, messbaren ROI. Die Kosten sind transparent und nutzungsbasiert (bei Cloud-Services) oder als einmalige Investition (bei lokaler Hardware) kalkulierbar. So entkommen Sie der Rechtfertigungsfalle großer, monolithischer Transformationsprojekte.
Die Brücke bauen: Low-Code als Beschleuniger für Fachbereich und IT
Doch wie lässt sich eine solche hybride Strategie technisch und organisatorisch umsetzen, ohne neue, komplexe IT-Projekte zu starten? Die Antwort liegt in Low-Code-Plattformen.
„Low-Code-Plattformen fungieren als agile Brücke zwischen der starren SAP-Welt und der dynamischen KI-Welt.“
Mit einer Low-Code-Plattform wie Simplier, die speziell für die Integration in SAP-Landschaften zertifiziert ist , können Fachbereiche gemeinsam mit der IT ihre spezifischen KI-Anwendungen entwickeln – oft bis zu 10-mal schneller als mit traditioneller Programmierung. Anstatt monatelang auf die Umsetzung durch eine überlastete IT-Abteilung zu warten, können Ideen schnell in funktionierende Prototypen überführt werden. Dies schafft nicht nur Geschwindigkeit, sondern auch eine enorme Motivation und Akzeptanz für die Digitalisierung im gesamten Unternehmen.
Fusion Teams in Aktion: Das Silo-Denken überwinden
Der vielleicht wichtigste Effekt von Low-Code ist jedoch ein kultureller. Die Technologie erzwingt und ermöglicht eine radikal neue Form der Zusammenarbeit. An die Stelle von starren Anforderungsdokumenten und langen Entwicklungszyklen tritt die direkte Kollaboration in „Fusion Teams“, in denen Fachexperten und IT-Entwickler gemeinsam an der Lösung arbeiten. Wie in Fachmedien betont wird, ist diese enge Zusammenarbeit zwischen IT und Business entscheidend, um eine neue Schatten-IT zu verhindern und Governance sicherzustellen. Hier gedeiht genau die digitale Kompetenz, die Ihr Unternehmen wirklich zukunftsfähig macht. Es ist die Auflösung der alten Gräben zwischen „Bestellung“ und „Lieferung“ und der Beginn einer echten, gemeinsamen Wertschöpfung.
Fazit: Handeln Sie jetzt – Ihre Zukunft ist nicht an ein SAP-Release gekoppelt
Die Transformation zur intelligenten Organisation ist kein technisches Update, das man kaufen kann. Es ist ein organisatorischer Lernprozess. Auf den Abschluss Ihrer S/4HANA-Migration zu warten, ist eine Wette gegen die Zeit, die Sie nicht gewinnen können. Nehmen Sie Ihr Schicksal selbst in die Hand. Bauen Sie mit hybriden Architekturen und Low-Code-Plattformen eine Brücke in die KI-Zukunft. Bilden Sie hyper-agile Fusion Teams, die echte Probleme lösen und messbare Mehrwerte schaffen. Ihre digitale Souveränität beginnt nicht mit dem nächsten SAP-Release, sondern mit der Entscheidung, heute zu handeln.



