Zwischen SAP-Komplexität und KI-Dynamik
Die Digitalisierung im Handel ist längst kein Zukunftsprojekt mehr. Sie entscheidet heute darüber, wie schnell Unternehmen auf Marktveränderungen reagieren, wie effizient Prozesse laufen und wie gut Kundenerlebnisse funktionieren. Gleichzeitig stehen viele Unternehmen unter enormem Druck: gewachsene SAP-Landschaften, steigende Integrationsanforderungen, Fachkräftemangel und die rasante Entwicklung rund um Künstliche Intelligenz sorgen dafür, dass klassische IT-Strategien an ihre Grenzen stoßen.
Wie Unternehmen mit diesen Herausforderungen umgehen können, zeigte der aktuelle „Real Talk Simplifier“ gemeinsam mit der ANWR-Gruppe. Im Gespräch mit Simplifier sprach Director IT, Sven Kulikowski über die Realität moderner IT-Organisationen, die Grenzen klassischer ERP-Welten und die Frage, warum Low Code und KI heute vor allem eines brauchen: Pragmatismus.
„Wir machen Handel erfolgreich“ – Digitalisierung als strategischer Hebel
Die ANWR-Gruppe gehört zu den größten Handelsverbundgruppen Europas. Rund 4.500 selbstständige Händler aus den Bereichen Schuhe, Sport und Lederwaren sind an die Unternehmensgruppe angeschlossen. Neben Finanzierungs- und Plattformleistungen unterstützt die ANWR ihre Partner mit Daten, Analysewerkzeugen und digitalen Services.
Doch gerade im Handel zeigt sich die Digitalisierung besonders anspruchsvoll: Prozesse müssen schnell angepasst werden, Daten aus unterschiedlichen Systemen zusammengeführt werden und gleichzeitig erwarten Nutzer heute intuitive Anwendungen, wie sie es aus dem privaten Umfeld gewohnt sind. Für die IT bedeutet das einen enormen Spagat.
„Die IT ist heute die zentrale Nahtstelle für fast alle Themen im Unternehmen.“
Neben der anstehenden SAP-Migration beschäftigt die ANWR vor allem ein Thema: Wie lassen sich Prozesse schneller, flexibler und gleichzeitig nachhaltiger digitalisieren?
Die eigentliche Herausforderung liegt zwischen den Systemen
Viele Unternehmen kennen die Situation: Das ERP-System funktioniert zuverlässig, erfüllt regulatorische Anforderungen und bildet Kernprozesse sauber ab. Die eigentlichen Reibungsverluste entstehen jedoch häufig an den Schnittstellen. Gerade die Integration von Non-SAP-Systemen in bestehende SAP-Landschaften bleibt in vielen Organisationen komplex, teuer und ressourcenintensiv. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an moderne Oberflächen und digitale Nutzererlebnisse. Denn Anwender vergleichen Business-Software heute nicht mehr mit anderen Business-Anwendungen – sondern mit der Bedienlogik moderner Apps.
Die Folge:
- Prozesse werden unnötig kompliziert
- Daten liegen in unterschiedlichen Systemen
- Informationen stehen nicht zum richtigen Zeitpunkt bereit
- Fachbereiche entwickeln Schattenprozesse außerhalb der IT
Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Viele Unternehmen verfügen über individuelle SAP-Anpassungen, die über Jahre gewachsen sind. Was früher sinnvoll erschien, wird spätestens bei Migrationen oder Modernisierungsprojekten zur Belastung.
Warum Low Code für die ANWR mehr ist als App-Entwicklung
Genau an diesem Punkt setzt der Einsatz von Low-Code-Technologien an. Für die ANWR steht dabei nicht die schnelle Erstellung einzelner Apps im Mittelpunkt. Entscheidend ist vielmehr die Fähigkeit, Prozesse flexibel zu orchestrieren, bestehende Systeme intelligent miteinander zu verbinden und Lösungen schneller bereitzustellen. Low Code wird damit zu einer strategischen Entlastung für die IT. Denn statt monolithische Erweiterungen direkt im ERP vorzunehmen, können Anwendungen außerhalb des SAP-Kerns entwickelt und trotzdem sauber integriert werden. Das reduziert Komplexität, schafft mehr Unabhängigkeit und vereinfacht zukünftige Transformationen. Besonders relevant wird dieser Ansatz dort, wo Unternehmen mit vielen externen Nutzern arbeiten – etwa Händlern, Partnern oder Kunden. Klassische Lizenzmodelle stoßen hier häufig schnell an wirtschaftliche Grenzen. Low Code schafft dagegen flexiblere Möglichkeiten, Prozesse digital bereitzustellen, ohne jede Interaktion direkt an ERP-Lizenzen koppeln zu müssen.
KI erzeugt gerade einen neuen Erwartungsdruck in Unternehmen
Neben der Prozessdigitalisierung beschäftigt die ANWR aktuell besonders die rasante Entwicklung rund um Künstliche Intelligenz. Die Dynamik ist enorm: Neue Modelle, neue Tools und neue Möglichkeiten entstehen inzwischen beinahe wöchentlich. Fachbereiche experimentieren eigenständig mit KI-Anwendungen und erwarten schnelle Ergebnisse. Für IT-Abteilungen entsteht dadurch eine völlig neue Herausforderung. Denn einerseits sollen Innovationen ermöglicht werden. Andererseits bleiben Themen wie Datenschutz, Governance, Compliance und IT-Sicherheit zentrale Verantwortung der IT.
„Die Lösungen fliegen dir momentan fast um die Ohren. Jeden Tag entdeckt jemand etwas Neues.“
Genau hier zeigt sich, warum Unternehmen heute eine klare Orchestrierungsstrategie brauchen. Denn ohne zentrale Steuerung entstehen schnell:
- unkontrollierte Datennutzung
- Sicherheitsrisiken
- parallele Insellösungen
- fehlende Governance
- Schatten-IT mit KI-Tools
Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, möglichst viele KI-Tools einzuführen. Entscheidend ist vielmehr, wie Unternehmen KI kontrolliert, sicher und prozessnah in bestehende Abläufe integrieren.
KI braucht Prozesse – und Prozesse brauchen Integration
Ein besonders spannender Einblick aus dem Gespräch war der konkrete KI-Einsatz bei der ANWR. Das Unternehmen entwickelt derzeit eigene Chatbot-Lösungen für Endkunden- und Händlerprozesse. Kunden können beispielsweise Informationen zu Bestellungen, Retouren oder Reklamationen direkt über KI-gestützte Services abrufen. Der entscheidende Punkt dabei: Der Mehrwert entsteht nicht allein durch das Sprachmodell. Er entsteht durch die Integration der KI in bestehende Prozesse, Datenquellen und Systeme. Erst wenn KI auf strukturierte Unternehmensdaten, definierte Abläufe und sichere Schnittstellen zugreifen kann, entsteht ein produktiver Business-Mehrwert. Genau deshalb gewinnen Plattformansätze zunehmend an Bedeutung. Unternehmen benötigen heute keine isolierten KI-Experimente mehr – sondern Architekturen, die Prozesse, Systeme, Daten und KI intelligent miteinander verbinden.
Die neue Rolle der IT: Möglichmacher statt Bremser
Besonders interessant war im Gespräch auch der kulturelle Aspekt. Viele IT-Abteilungen befinden sich aktuell in einem Spannungsfeld: Einerseits erwarten Mitarbeitende schnelle Innovationen und moderne KI-Tools. Andererseits muss die IT Risiken bewerten, Datenschutz sicherstellen und Governance etablieren. Die Gefahr: Die IT wird schnell als Verhinderer wahrgenommen. Die Herausforderung besteht deshalb darin, Innovation kontrolliert zu ermöglichen – ohne Geschwindigkeit vollständig auszubremsen.
Genau hier können Low-Code- und Orchestrierungsplattformen einen entscheidenden Beitrag leisten:
- schnellere Bereitstellung neuer Anwendungen
- standardisierte Integration von Systemen
- kontrollierter Zugriff auf Daten
- Governance-fähige KI-Workflows
- geringere Abhängigkeit von einzelnen Herstellern
Die Rolle der IT verändert sich damit fundamental. Sie wird zunehmend zum Orchestrator digitaler Prozesse.
Digitalisierung braucht heute vor allem Pragmatismus
Das Gespräch mit der ANWR zeigt eindrucksvoll, wie real die aktuellen Herausforderungen vieler Unternehmen sind. Die Digitalisierung scheitert heute selten an einzelnen Technologien. Viel häufiger scheitert sie an Komplexität, Integrationsproblemen und fehlender Geschwindigkeit. Gleichzeitig wächst der Druck durch KI enorm. Unternehmen müssen heute gleichzeitig:
- bestehende ERP-Landschaften modernisieren
- Prozesse digitalisieren
- Fachbereiche entlasten
- Governance sicherstellen
- KI sinnvoll integrieren
- schneller liefern
Das gelingt nicht mit isolierten Einzeltools. Es braucht flexible Plattformen, die Systeme, Prozesse und KI zusammenführen – ohne neue technologische Abhängigkeiten zu schaffen.
Der wichtigste Impuls aus dem Real Talk:
Die Zukunft gehört nicht den Unternehmen mit den meisten Tools, sondern den Unternehmen, die Technologie pragmatisch orchestrieren können.


